Wir haben geschlossen. Ihr Ostsee-Urlaubsglück.

Am Strand war der menschliche Fußabdruck bereits denen der Möwen deutlich gewichen, und so hielten sie nun vergeblich Ausschau nach weggeworfenen Eiswaffeln und anderen Snacks die bei Bratwurst, Schnitzel und Co. sonst so ihre Spuren hinterlassen hatten. Die Mülleimer gähnten in der Nachmittagssonne vor Leere und keine einzige Papierserviette flog über den Sand. Keine Ketchupflecken, keine Kippen, nichts. War das Meer eigentlich auch blauer als sonst? Diese neuartige Entschleunigung befähigte mich neuerdings dazu noch viel mehr auf meine Intuition zu hören als bisher.


Ein weiterer sonniger Tag der Kontaktsperre erwartete mich, als ich mit Kamera und Rucksack das Haus verließ, um mich in der Lübecker Bucht auf die Jagd nach neuen Motiven zu machen. Während der Fahrt überlegte ich, ob mein WL-Kennzeichen wohl in dieser Zeit zu negativen Rückschlüssen einladen könnte, obwohl inzwischen hinlänglich bekannt sein dürfte, dass man selbiges bei einer Ummeldung nicht mehr wechseln muss. Seit einem Jahr war ich nun schon Ost-Holsteinerin und kam deshalb nicht umhin mich über meinen eigenen Gedankengang zu wundern. Ich entschied mich für den Erholungsort Dahme als Tagesziel und genoss die weitestgehend leere Autobahn. 

 

Auf einem Sandparkplatz neben einer Baustelle angekommen, parkte ich meinen Wagen, rüstete die Kamera, schulterte meinen Rucksack und machte mich auf den Weg zum Strand. "Ein Örtchen wäre jetzt nicht schlecht", dachte ich, als ich an der kilometerlangen, schnurgeraden Promenade ankam und erstaunt in beide Richtungen blickte. Ich fand den wohl größten "Lost Place" vor, den ich als Fotografin je gefunden hatte. Nachdem ich mich für Richtung links entschieden hatte, lief ich an einigen Gastronomien vorbei, in deren Außenbereichen die Blätter vom Wind zu mehreren Grüppchen eingefangen waren und damit bereits eine Welt erahnen ließen, in der die Natur wieder die Hauptrolle in unserer zivilisierten Welt eingenommen hatte. 

 

An einer der öffentlichen Toiletten angekommen, fand ich eine verschlossene Tür vor. Als besonders überraschend empfand ich es, angesichts der vorherrschenden Lage, nicht wirklich. Doch drängte sich der Surrealismus auf, zur Frühlingszeit an einer deutschen Strandpromenade nirgendwo eine adäquate Möglichkeit für seine Notdurft vorzufinden. An einer Minigolf-Anlage traf ich schließlich auf den dazu gehörigen Betreiber, der gemütlich im Liegen den Pinsel über eine der Bahnen zog und sich damit optimistisch auf einen verspäteten Saisonstart einstimmte. Ich erkundigte mich aus der Ferne nach einem geöffnetem WC. "Ein Stück in die Richtung kommt ein Schwimmbad, die haben meines Wissens nach ihre Türen noch offen gelassen." antwortete er mit ausgestrecktem Arm. Ich bedankte mich und ging schnelleren Schrittes darauf zu. Tatsächlich konnte ich dankbar das zugängliche Gebäude betreten. Auf dem Weg nach draußen schaute ich mich um. Im Becken war kein Wasser mehr, der Eingang zur Wellness-Sauna glich eher dem einer Fußgängergeisterbahn und es war einfach Niemand da. Selbst zur Winterzeit, da war ich mir sicher, findet man unter normalen Umständen eine geöffnete Einrichtung durch mindestens eine anwesende Person lebendiger vor. 

 

Als ich draußen an den Geschäften, Imbissen und Restaurants vorbei ging, fielen mir die Zettel und Schilder in den verrammelten Türen auf. "Bis auf weiteres geschlossen", "Aufgrund der Corona-Krise haben wir zu", "Sorry, we're closed". "Täglich frischer Speisequark aus eigener Herstellung". "Tja, jetzt wohl eher nicht mehr." flüsterte ich und blickte einem älteren Paar nach, welches mit gesenkten Köpfen und ins Gesicht gezogenen Kapuzen gerade an mir vorbei schlenderte. Irgendwie grüßte auch kaum noch jemand und ich hörte nichtmal diejenigen reden, die vereinzelt zu zweit unterwegs waren. Es war still geworden. Und ich konnte mich noch nicht entscheiden ob die Stille laut oder leise war. Einzig der leichte Wellengang sorgte für eine meditative und nicht zuletzt auch behutsame Geräuschkulisse.

 

Am Strand war der menschliche Fußabdruck bereits denen der Möwen deutlich gewichen, und so hielten sie nun vergeblich Ausschau nach weggeworfenen Eiswaffeln und anderen Snacks die bei Bratwurst, Schnitzel und Co. sonst so ihre Spuren hinterlassen hatten. Überhaupt war es so sauber. Die Mülleimer gähnten in der Nachmittagssonne vor Leere und keine einzige Papierserviette flog über den Sand. Keine Ketchupflecken auf den Steinen, keine Kippen, nichts. War das Meer eigentlich auch blauer als sonst? Die Wellen, die sich kraftvoll über den Strand ergossen, hatten zumindest eine Klarheit in jedem Tropfen inne, die ich schon lange nicht mehr bewundern durfte. Ich blieb stehen, atmete tief ein und entschied mich für leise. Diese neuartige Entschleunigung und der herausgenommene Druck befähigten mich neuerdings dazu noch viel mehr auf meine Intuition zu hören als bisher. Auf dem Rückweg zum Parkplatz prangte mir ein Flatscreen neben einer leeren Bank mit der Headline "Ihr Ostsee-Urlaubsglück" entgegen, und lieferte mir in Verbindung mit der gesamten verrammelten Kulisse symbolisch den Inbegriff vom lockdown live und in Farbe. 

 

Am Auto angekommen sprach mich einer der drei Handwerker von der benachbarten Baustelle mit Blick auf mein Kennzeichen an. "Moin, wieviele Einwohner hat Winsen Luhe eigentlich zur Zeit?" Ich antwortete mit einem Schmunzeln, dass ich aus Ost-Holstein sei und nur noch das Kennzeichen dran hätte, weil ich beim Ummelden zu geizig für ein neues gewesen war. Zudem hätte ich die Frage so oder so nicht beantworten können. Die drei wünschten mir noch einen schönen Tag und erkannten wohl das nicht immer alles so ist wie es erscheint. Ich bedankte mich, wünschte ihnen das gleiche und nahm ein Paradoxon von Freiheits- und Beklemmungsgefühlen mit nach Hause, doch nicht ohne mein Glück zu verkennen auch jetzt noch an einem Strand das unbeirrbare Frühlingslüftchen genießen zu dürfen.

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