Burning Brain im kalten Norden.

Eine kleine Geschichte zum Jahresbeginn von Glück und Unglück, Sehnsucht, Realität und dem Kern des Wesentlichen. Keine Begegnung, kein Augenblick, kein Ereignis passiert zufällig. Alles entsteht aus unserem höheren Selbst. Doch unser Herz lenkt uns immer an die Orte, die es braucht um die Dinge zu erfahren, die wir für unseren weiteren Weg benötigen. Manches davon erschliesst sich sofort, manches erst Jahre später. Die Kunst ist, darüber nicht das Leben selbst aus den Augen zu verlieren.


Nachdem ich in den Tag gestartet war, beschloss ich meine Kamera einzupacken und bei wolkenverhangenem Himmel gen Norden aufzubrechen. Ohne ein bestimmtes Ziel fuhr ich Richtung Fehmarn auf die Autobahn. Burning Man 2018 dröhnte satt und kräftig aus den Boxen und ich sehnte mich an genau diesen Ort in der Wüste Nevadas. Sonne, Hitze, Sand und feinste Elektro Beats. Einfach abschalten, die Zeit anhalten und tanzen. Das wär's jetzt. Ungünstigerweise war ich von einem Ticket zu diesem Festival genauso weit entfernt wie unsere Bundeskanzlerin von einer Bikini-Figur, zumal alle Tickets für 2020 bereits ausverkauft waren. 

 

Unterdessen wurde das Wetter immer schlechter und kräftige Sturmböen drückten mein Auto immer wieder zur Seite. Der Wind peitschte den inzwischen sintflutartigen Regen über den Asphalt und der Pegel auf der Fahrbahn stieg sichtbar. Normalerweise ließ ich mich nicht so schnell beeindrucken, doch hielt ich es für durchaus angemessen, den nächsten Rastplatz anzufahren und das Gröbste abzuwarten. Schöne Aussichten. Egal, soll es sich austoben und wenn ich angekommen bin, wo auch immer, wird es aufgeklart sein. Ganz einfach. Als dann auch noch Hagel dazu kam, rollte ich innerlich mit den Augen. Wie weit kann Sehnsucht noch von der Realität entfernt sein? Fehlt noch Graupel und Glätte! Als sich die Lage augenscheinlich beruhigt hatte, beschloss ich die Fahrt fortzusetzen. Mein Tacho hatte gerade wieder den dreistelligen Bereich erreicht, als plötzlich etwas nicht stimmte. Mein Bordcomputer meldete einen Temperaturabfall gen Null und ehe ich reagieren konnte, verlor mein Auto die Bodenhaftung. Das war kein Wasser mehr auf der Fahrbahn, sondern - Überraschung - Graupel und Glätte. Ich nahm sofort den Fuß vom Gas und sah mich Richtung Leitplanke schlingern. „Ohne Grip keine Chance“, dachte ich und innerhalb derselben Millisekunde schloss sich ein weiterer, flehender Blitzgedanke Richtung Motorhaube an: „Du hast mich schlussendlich immer ans Ziel gebracht, egal was war. Finde bitte Grip. JETZT!“ Im selben Moment hatten die Reifen wieder Kontakt zum Asphalt und ich mit einem deutlich erhöhten Adrenalinspiegel wieder die Kontrolle über das Fahrzeug. Die nächste Abfahrt war sowas von meine! Nur noch 500 m. Perfekt, runter von der Bahn. Als ich die Abfahrt entlang schlich, kam mir ein silberner Tanklaster mit rotem Fahrerhaus entgegen. „Ist der Irre?“, fragte ich mich. Unsere Blicke trafen sich und ich erklärte den Fahrer innerlich für verrückt, jetzt auf die A 1 zu fahren. „Hoffentlich geht das gut.“ hörte ich mich flüstern, als ich unlängst einen Supermarkt entdeckte und beschloss dort in der angrenzenden Bäckerei auf einen Kaffee einzukehren. Während ich zu meiner inneren Gelassenheit zurück fand und dankbar für den glimpflichen Ausgang war, klarte der Himmel tatsächlich auf. 

 

Kurze Zeit später erreichte ich bei zarten, unschuldigen Wölkchen und Sonnenschein einen Strand kurz vor Fehmarn und erklärte diesen kurzum zum erreichten Zielort. Unzählige Kitesurfer nutzten die Gelegenheit, um mit Wind und Wellen zu tanzen und flogen teils meterhoch über das Meer. Wie cool! Das möchte ich auch irgendwann mal ausprobieren. Momentan würde ich allerdings bei meiner derzeitigen, muskulären Verfassung wohl eher versehentlich mit dem Kite bis nach Dänemark fliegen. Denn der Wind war so stark, dass man sich ohne Weiteres dagegen lehnen konnte. Als gebürtige Hamburgerin deklarierte ich es einfach als steife Brise und trat meinen Strandspaziergang an. Ich hing meinen Gedanken nach, während ich einige Fotos machte und mir bewusst wurde, wieviel Glück ich zuvor gehabt hatte. Was wäre passiert, wenn mehr passiert wäre? Mir kam wieder der Tanklaster in den Sinn. Irgendwie war es im Nachgang ein merkwürdiger Moment, als wir uns anschauten. So als wäre die Zeit kurz stehen geblieben.

 

Mein Gedankengang wurde von meiner linken Socke unterbrochen, die mit großen Schritten gen Süden rutschte. Man soll ja nicht hassen, aber sowas hasse ich. Eine Socke, die im Schuh runter rutscht ist echt das Allerletzte! Das ist so unnütz wie kein Klopapier an der Raststätte, wie volle Kassen bei IKEA, wie Tomatensalat ohne Tomaten. Kurzum, das braucht einfach kein Mensch! Ich wartete geduldig, bis die gesamte verdammte Socke es bis ganz unter den Fuß geschafft hatte, um dann endlich extra genervt anzuhalten und sie gewaltsam, aber durchaus lösungsorientiert an ihren eigentlichen Bestimmungsort zu verweisen.

 

Ich sah eine Weile den Möwen zu, wie sie gegen den Wind floateten und lehnte mich im Stehen auch ein wenig zurück. Einfach herrlich! Ich ließ die Gedanken mit dem Wind fliegen und lauschte in mich hinein. Es war still geworden. Endlich war es still geworden. Nach Zeiten der inneren Stürme, Kämpfe und Unruhen, nach unzähligen schlaflosen Nächten und Zerwürfnissen hatte ich zu innerer Ruhe gefunden. Im Außen war längst nicht alles so, wie ich es mir wünschte, doch der Weg im Innen war deutlich geebnet. Ich suchte kein Zuhause mehr. Ich war Zuhause – bei mir. Dort wo ich bin, bin ich zuhause. Also war in diesem Moment meine Adresse ein Strand kurz vor Fehmarn. Und ebenfalls mit dem Wind schickte ich die Bestellung ans Universum, dass meine Adresse für ein paar Tage auch einmal die Wüste Nevadas beim Burning Man Festival sein möge. Während ich zurück ging, rutschte die Socke erneut und ich sah mich voller Vorfreude dieses Drecksding, gefolgt von seinem Kollegen, zuhause in den Müll werfen. 

 

Die Schatten wurden länger, während der Mond bereits am blassblauen Himmel auf seinen Auftritt wartete und ich nach einem Abstecher zum Weißenhäuser Strand endgültig die Heimfahrt antrat, NACHDEM ich die Socke zum x-ten mal hochgezogen hatte. Kurz vor Neustadt/Pelzerhaken blinkte eine Tafel am linken Fahrbahnrand: UNFALL. Weitere Anzeige-Tafeln suggerierten per Pfeil, dass man sich auf der rechten Spur halten möge. „Oha, derart weiträumig abgesichert muss da ja was dolles passiert sein.“ war mein erster Gedanke. In der Ferne reflektierte die Sonne etwas silbernes. Als ich näher kam traute ich meinen Augen kaum. Es war ein Tanklaster mit einem roten Fahrerhaus. Mich durchfuhr eine Schockwelle. Das kann nicht wahr sein! Das ganze Elend lag quer über beide Spuren, die Leitplanke war zerstört und die Luke auf dem Dach des Fahrerhauses war geöffnet worden. Vermutlich wurde so der Fahrer befreit. Die Gegenfahrbahn war natürlich komplett gesperrt und es waren mehrere Bergungsfahrzeuge und unzählige Polizeiwagen vor Ort. Kein Krankenwagen, kein Leichenwagen. Das muss schon vor Stunden passiert sein. Meine Gedanken rasten und mir schlug das Herz bis zum Hals. „Ähnlich hätte mein kleines Tänzchen auf dem Hinweg auch ausgehen können“, dachte ich erschrocken. Ich bat innerlich um Kraft für den Fahrer und das er es bitte unbeschadet überstanden haben möge. Den Rest der Strecke legte ich ohne Burning Man Bässe zurück und in Dankbarkeit erreichte ich gesund und munter mein Ziel. 

 

Zuhause angekommen schaute ich direkt im Internet, ob schon etwas zu dem Unfall zu finden war. Und ja: Tatsächlich war der Fahrer verletzt in eine Klinik eingeliefert worden. Er hatte also glücklicherweise, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, überlebt. Ob es wirklich ein und derselbe Tanklaster war, vermag ich nicht zu beurteilen. Manchmal fahren auch mehrere aus einer Flotte durch eine Region. Schlussendlich zeigte mir dieses Ereignis wieder einmal auf, wie schnell sich ein Leben verändern kann. Doch sich ausschließlich in Dankbarkeit, Achtsamkeit und Ernsthaftigkeit zu verlieren ist auch nach solch einem Tag nicht mein Allheilmittel. Es braucht Träume, Sehnsüchte, manchmal auch Ziel- und Planlosigkeit, immer noch ein Festival-Ticket und vor allem eine gute Portion Humor. That's Life. Heute bin ich Gesund. Heute hatte ich Glück. Heute sind 24.000 Liter Glukosesirup nicht wie geplant an ihrem Zielort angekommen und ein Paar Socken landeten in der Tonne. Shit happens.

Text und Foto: Sylvia Donath

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Kommentare: 1
  • #1

    Julia (Samstag, 04 Januar 2020 22:26)

    Ich hab das mit dem Unfall im Radio gehört. Echt heftig, wenn das evtl. derselbe Fahrer war. Gut das Dir nichts passiert ist. Tolle Anekdote und super geschrieben!