Die Blumenfrau und die Kraft der Dankbarkeit

Jeder weiß wie es ist, wenn man einen blöden Tag hat, alle unfreundlich sind und man sich mit der Zeit generell überlegt ob die freie Wildbahn gerade der richtige Ort ist. Die Spritpreise sind genau dann viel zu hoch, wenn der Tank leer ist, die Sonne scheint, wenn man arbeiten muss und der Rückruf von XY lässt auch auf sich warten. Willkommen im Alltagswahnsinn. Doch rückt man die positiven Dinge in den Fokus und ist ganz bewusst dankbar für dies und jenes, geschehen auf wundersame Weise die schönsten Dinge und Begegnungen. 


Heutzutage strotzen die Menschen gerade in unseren Gefilden nicht unbedingt vor Freundlichkeit und guter Laune. Eher im Gegenteil. Es wird mit abstehenden Ellenbogen an die Nachbarkasse gesprintet, die gerade öffnet, obwohl nur drei Leute vor einem stehen (mich eingeschlossen), gehupt, gemeckert, gejammert und was sonst noch so mit "ge" anfängt. ALLES mich eingeschlossen. Nicht immer zu Unrecht, aber eben auch nicht immer zu Recht. Gerade beim Thema Hupen bin ich ganz vorne dabei. Zum einen macht das Spaß und zum anderen macht es gerade bei meinem Auto auch durchaus Sinn, in aller Regelmäßigkeit alles auf seine Funktionalität zu prüfen. 

 

Sobald ich das Haus verlasse, um z. B. einkaufen zu gehen, also nichts von der erfreulichen Sorte wie Freunde treffen, überlege ich bei geöffneter Küchenschranktür, ob dies wirklich notwendig ist oder ob sich nicht doch noch ein altes Knäcke in irgendeiner Ecke auftreiben lässt. Sozusagen das Knäcke aus der Ecke. Wenn nicht, und ich gezwungenermaßen doch vor die Tür muss, verwandele ich mich ad hoc in den Typ Raubkatze, sobald ich vorm Supermarkt parke. Mit angelegten Ohren, ausgefahrenen Krallen und zähnefletschend reiße ich mir zuerst einen Einkaufskorb, bevor die Jagd so richtig beginnen kann. Wie sie schon alle gucken. Starr, unzufrieden, beurteilend. Kontrollverlust der Gesichtszüge in seiner Vollkommenheit auf freier Wildbahn. LÄCHELN ist diese Woche nicht im Angebot, weil bis auf Weiteres noch Gratis zu haben. Schon mal auf Bali gewesen? Die wissen wie das geht. Spätestens vorm Nudel-Regal bin ich schon völlig genervt und versuche mich nur noch auf meinen Einkauf zu konzentrieren. 

 

Nachdem ich ein paar Einkaufswagen per Todesblick von meinen Fersen erfolgreich fern gehalten hatte und endlich an die Kasse, die gerade öffnete, gesprintet war, sah ich mich der nächsten Herausforderung gegenüber: Die Kassiererin. Nein, Entschuldigung: DIE KASSIERERIN. Sie zog meine Sachen in Zeitlupe mit einer buddhistischen Ruhe über den Scanner, als ob der Gong der Gelassenheit gleich dreizehn schlagen würde und stellte ihre Lustlosigkeit ganz ungeniert zur Schau. So wenig Lust wie heute hatte sie wahrscheinlich zuletzt gestern. Für einen kurzen Moment dachte ich, sie verliert gleich das Bewusstsein. "Halloooo, keine Zeit" brüllte der Löwe in meinem Kopf während ich mit ebenso buddhistischer Ruhe verkrampft lächelte. Tauschen würde ich schließlich mit ihr auch nicht unbedingt, wenn ich mir die ganzen leeren Gesichter anschaue. Der Oppa (Doppel "p" ist Absicht, dass trifft es besser) hinter mir macht sich direkt vier große Wodkaflaschen klar und so guckt er auch. Na denn. Nastrovje. Auch kein Tauschkandidat. Und so rege ich mich auf. Innerlich und wenn ich wieder im Auto sitze durchaus auch äußerlich. Da kommt das ein ums andere Mal auch die Hupe ins Spiel. 

 


Nicht die Glücklichen sind dankbar.

Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.

Francis Bacon


Und so geht es Woche um Woche, nicht jeden Tag unbedingt, aber... Doch, wenn ich es mir recht überlege.. Naja, zumindest vergesse ich darüber zu oft, wie gut es mir geht. Es geht mir sogar so gut, dass ich mich auf fremde Menschen im Supermarkt und auf andere Verkehrsteilnehmer konzentrieren kann. Gut, letzteres macht auch durchaus Sinn, egal wie es einem geht. Aber der Kern der Aussage ist klar. Woanders herrscht Hungersnot, Menschen flüchten vor Krieg oder Armut oder beidem und ich habe soviel mehr als ich brauche. Und so bekam ich an einem sonnigen Sonntag auf dem Heimweg, vom Besuch bei einer Freundin, knapp 100 Kilometer einen Dankbarkeitsanfall. Ich war dankbar für all die wunderbaren Menschen in meinem Herzen, für das leckere Essen – andauernd. Für die Sonne, die gerade schien. Mein Auto, dass schnurrte wie eine Katze und schon acht Wochen nicht mehr in der Werkstatt war (Das ist für mein Auto eine herausragende Leistung). Den weißen Bussard, der vorbei flog. Den wunderbaren Tag. Für einfach alles. Aus tiefstem Herzen. Es fing an richtig Spaß zu machen und so segelte ich auf meiner rosa Wolke Kilometer um Kilometer dahin. Ich kam mir zeitweise blöd vor, mich so oft über alltägliche Banalitäten oder Menschen gegrämt zu haben, die es einfach nicht Wert waren. Aber auch für diese Feststellung war ich dankbar.

 

Den Tag darauf – Montag – ging ich wieder einkaufen. Im selben Supermarkt. Und man mag es kaum glauben: ALLES war anders. Der Supermarkt-Mann begrüßte mich freundlich, einer von den bösen Einkaufswagen und seine vorübergehende Besitzerin ließen mir in der Gemüseabteilung den Vortritt, damit ich in Ruhe Tomaten jagen konnte. An der Kasse nahm die Dame hinter mir den Korb ab, um ihn zurück in den Stapel zu stellen. Die Kassiererin zog behände und zackig mit einem Lächeln meine Einkäufe über den Scanner. Und so ging es den lieben langen Tag weiter. Ich schmunzelte nonstop vor mich hin und das wiederum löste immer neue positive Begebenheiten aus. Wahrscheinlich weil es von Herzen kam und nicht wie sonst gequält wirkte, um den inneren Tobsuchtsanfall zu verstecken.

 

Am dritten Tag nach meinem Dankbarkeitsanfall, also Mittwoch, brauchte ich noch ein paar Blumen und ging also zum Blumenladen. Bahnbrechend logisch. Ich fand dort auch noch ein Geschenk und fragte die Blumenfrau, ob sie es einpacken könne.

"Einen Moment, ich bin gleich für Sie da" entgegnete sie.

"Ach, keine Hektik, ist ja schließlich Bergfest", antwortete ich.

"Gott sei Dank, endlich jemand Nettes", brach es aus ihr heraus und sie schaute mich erleichtert an.

"Sie glauben ja gar nicht wie viele unfreundliche Kunden ich heute schon hatte!"

"Doch, dass glaube ich Ihnen sofort. Man ist den Launen der Kunden ja quasi ausgeliefert in Ihrem Job."

"Ja" sagte sie, "da haben Sie recht, wobei das ja auch immer mit einem selber zu tun hat. Das sagt man doch so oder nicht?"

"Ja, dass mag schon stimmen, glaube ich auch. Allerdings laufen in diesem Land derart viele unzufriedene, unfreundliche Menschen frei herum, dass man selbst als Stein vor negativen Begegnungen nicht gefeit ist. Nehmen Sie das bloß nicht persönlich!"

"Nein. Das mache ich auch nicht. Aber manchmal überlegt man schon woran es liegt, wenn man selbst immer freundlich ist. Wissen Sie, ich hatte es auch nicht immer leicht im Leben, aber das ist doch keine Freikarte für schlechtes Benehmen?!" 

Sie sprach mir aus der Seele.

 

Ich fragte ob sie das Geschenk, zwei Seesterne aus Porzellan in zwei verschiedenen Größen, nochmal da hätte. Ich fand sie so schön, dass ich sie auch gerne für mich kaufen wollte. 

"Nein, leider nicht mehr" antwortete sie. Sie schaute mich nachdenklich an und erzählte mir, dass sie genau diese Seesterne schon vor Wochen für sich selbst zurück gelegt hätte, es aber immer noch nicht fertig gebracht hatte, sie auch mit nach Hause zu nehmen.

"Wissen Sie was?" und ihre Augen bekamen so ein Glitzern.

"Ich möchte Ihnen meine geben. Sie sind so freundlich zu mir gewesen und ich habe die Dinger immer noch nicht mit nach Hause genommen. Dann sollen Sie sie haben!"

"Oh, wie lieb von Ihnen" strahlte ich sie an.

"Wissen Sie was? Wir teilen einfach. Sie nehmen den großen und ich den kleinen, dann haben wir beide etwas davon". 

"Nein nein, die gehören zusammen, nehmen Sie sie ruhig, die sind für Sie bestimmt" entgegnete sie mit einem Lächeln. 

Während unserer Unterhaltung hatte sie das Geschenk eingepackt, ich bezahlte und wir verabschiedeten uns herzlich voneinander. Innerlich tanzte ich Lambada und klatschte in die Hände, so sehr freute ich mich darüber. Denn jetzt waren es nicht einfach nur zwei Seesterne aus Porzellan, sondern zwei Seesterne, die mich immer an die herzliche Begegnung mit der Blumenfrau und die Kraft der Dankbarkeit erinnerten, wenn mich der Alltagswahnsinn mal wieder voll im Griff hat.

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