"Nyepi" – Tag der Stille.

Ich ging durch leere Straßen zu meiner Unterkunft zurück und genoß die abgasfreie Luft, bevor ich schlafen ging. Und am nächsten Tag war es soweit. Nyepi, der Silent-Day, der Tag der Stille hatte begonnen. Von 6:00 bis 6:00 Uhr darf Niemand auf die Straße gehen, kein Licht brennen und vor allem darf nicht gearbeitet werden. Für Touristen gilt, sich der Anlage nicht zu entfernen, keine laute Musik zu hören und sich möglichst leise zu verhalten. Der Flughafen ist für 24 Stunden geschlossen, ebenso wie alle Geschäfte. Wer sich nicht daran hält, wird von der Polizei gebeten, schnellen Schrittes nach Hause zu gehen.


Ein paar Tage nach der Kremation (s. letzter Blog-Beitrag) fragte mich Wayan, ob ich Lust hätte ihn zu einer weiteren Zeremonie am Strand zu begleiten. Es wäre die erste Zeremonie im Hinblick auf den Silent-Day und soll allen Teilnehmern eine gute Zeit für das kommende Jahr bescheren. Na klar bin ich dabei. Strand, eine gute Zeit, kann ich beides brauchen. "Gut, dann hole ich Dich um halb fünf ab". Oh, die gute Zeit beginnt aber früh. Naja, was soll's, schlafen kann ich auch zu Hause. Gesagt, getan. So erwartete er mich also in aller Herrgottsfrühe vor der unscheinbaren Tür meiner Unterkunft und wir fuhren ca. 45 min. zum Strand, wo sich schon halb Bali tummelte. Als ich mich umschaute, in all dem bunten Treiben, stellte ich fest dass ich die einzige Touristin war. Dementsprechend intensiv musterten mich vor allem die Kinder. Doch immer wie gewohnt mit einem freundlichen Lächeln. Einige fragten mich woher ich komme und wie lange ich bleiben würde. Und somit wurde ich wieder einmal, als der einzige bunte Fleck auf einem weißen Laken, herzlich aufgenommen.

 

Wayan erklärte mir das er nun zu seiner Community müsse, die sich bereits weiter hinten am Strand eingefunden hatte und wir würden uns später wieder treffen. Ich beschloss mich ebenfalls an den Strand zu begeben und von einem ruhigen Plätzchen aus, die Situation auf mich wirken zu lassen. Es saßen bereits einige während des Sonnenaufganges im schwarzen Sand und beteten. Das war ein wahrhaft besonderer Moment, den man nicht im Hotel buchen kann. Das Licht der aufgehenden Sonne, das seichte Rauschen des indischen Ozeans und das Raunen der vielen Menschen am Strand. Da war er – der Zauber von Bali.

 

Über den gesamten Vormittag wurde eine Community nach der anderen vom geistlichen Oberhaupt mit Gebeten und Geklingel entlassen und verließ den Strand mit Gamelan-Orchester-Begleitung und den geheiligten Objekten. Nach ca. 6 Stunden war die Melasti-Zeremonie vorüber, die jedes Jahr drei Tage vor Nyepi abgehalten wird. Sie wird immer an einer Wasserstelle praktiziert, wo die Kraft des Wassergottes Baruna zur Reinigung dient. Inzwischen war es schon wieder extrem heiß und Wayan's Community kam natürlich als letzte dran. Ich saß bereits im Schatten und freute mich auf meine Dusche und einen Kaffee.

 

Gegen Mittag war ich wieder wohlbehalten zurück und verbrachte den Rest des Tages damit, am Pool zu liegen und gen Abend mit dem Roller nach Ubud zu fahren. Dort gibt es ein wunderbares Café, das "KAFE1", welches ein tolles Angebot an veganen und rohköstlichen Speisen und Getränken bietet. Zu finden in der Jalan Hanoman, die parallel zur Jalan Monkey Forrest verläuft. Dort gibt es im Gegensatz zum alltäglichen Markt auch tolle Shops mit einheimischer Handwerkskunst, wie z.B. Schmuck, Porzellan und Batik. Nach einem schmackhaften Salat und einem leckeren Walnuss-Karotten-Kuchen, ließ ich diesen ereignisreichen Tag wohlfühlend und erfüllt ausklingen.

 

Nach dem balinesischen Mondphasen-Kalender Saka stand nun der Silent-Day kurz bevor und mit lautem Getöse wurden die wochenlang, liebevoll gestalteten, großen Dämonen-Figuren per Umzug auf den Schauplatz in Ubud getragen. Mit Stolz präsentierte jede Gruppierung ihr Werk und setzte es umringt von Einheimischen, ebenfalls knipsenden Touristen in Szene. Eingerahmt von kleinen Fressbuden auf Motorrollern und Spielzeug-Ständen mit großen Trauben von Luftballons, sah ich diesen Platz zum ersten Mal belebt. Einige Figuren wurden per Light-Show in der Dämmerung zu einer regelrechten Attraktion und man konnte den Freigeist in der Luft förmlich spüren. Kein Beten, keine Opfergaben, kein Meditieren, die Geschäfte bereits geschlossen, keine Fahrzeuge mehr auf den Straßen. Vor allem für die einheimischen Kinder war dies DER Tag im Jahr! Zu späterer Stunde wurden die Figuren verbrannt, um das Böse dem neuen Jahr fern zu halten und zwischen allen Dingen das Gleichgewicht ins Lot zu bringen. Quasi ein Exorzismus den wir an Silvester mit Böllern und Raketen vollziehen (und vor allem mit Essen und Alkohol).

 

Ich ging durch leere Straßen zu meiner Unterkunft zurück und genoß die abgasfreie Luft, bevor ich schlafen ging. Und am nächsten Tag war es soweit. Nyepi, der Silent-Day, der Tag der Stille hatte begonnen. Von 6:00 bis 6:00 Uhr darf Niemand auf die Straße gehen, kein Licht brennen und vor allem darf nicht gearbeitet werden. Für Touristen gilt, sich der Anlage nicht zu entfernen, keine laute Musik zu hören und sich möglichst leise zu verhalten. Der Flughafen ist für 24 Stunden geschlossen, ebenso wie alle Geschäfte. Wer sich nicht daran hält, wird von der Polizei gebeten, schnellen Schrittes nach Hause zu gehen. Lediglich Notfall-Besetzungen in einigen Krankenhäusern sind auch an diesem Tag einsatzbereit. 

 

Tja, was macht man nun den lieben langen Tag? Ich beschloss mich gegen 11:00 Uhr an den Pool zu legen und im Reiseführer zu stöbern. 11:10 Uhr war ich fertig. Außer mir lagen noch zwei andere Mädels in der Sonne und so lernte ich glücklicherweise Eva kennen, ebenfalls aus Deutschland. Und was machen zwei Mädels die am Pool festsitzen? Richtig! Sie quatschen über Männer, Haare, Reiseerfahrungen- und Pläne und wieder über Männer. Bis in die späte Nacht hinein verbrachten wir gemeinsam den Tag, gingen zusammen zum Essen und genossen später den grandiosen Sternenhimmel, gespickt mit ein paar Glühwürmchen und vor allem die Ruhe. Laut Wayan ist der Tag an sich dazu da, um zu meditieren, zu fasten und sich mit dem Wind zu unterhalten. Fasten war noch nie wirklich mein Ding und ich für meinen Teil habe mich lieber mit Eva unterhalten. Wenn man allein auf Reisen ist, erfährt man genug Zeiten der Stille und ist dankbar für jede Konversation mit Gleichgesinnten. Tatsächlich ist dies aber für die Einheimischen der einzig offizielle freie Tag im Jahr.

 

Die Gewissheit einen ganzen Tag lang nicht raus gehen zu dürfen, hatte etwas von Hausarrest, von dem mich meine Mutter glücklicherweise in Kindertagen verschonte. Wohl auch darauf zurückzuführen, dass unser Haus zu viele Wege nach draußen bot. Im Gegensatz zum Hotel. Da gab es kein unbeobachtetes Entkommen und dank Eva ging auch dieser Tag schnell rum. Am nächsten Morgen gönnten wir uns nach dem Frühstück noch eine Haarkur mit Kopfmassage im gegenüber liegenden Spa, bevor sie ihre Weiterreise antrat. Nachdem wir Kontaktdaten ausgetauscht hatten und das Auto vom Parkplatz rollte, war ich wieder allein. Voller Vorfreude auf meine anstehende Abreise am nächsten Tag, ging ich zurück in mein Zimmer und fing schon mal an, meine Sachen zu sortieren. Was brauche ich wirklich noch und worauf kann ich verzichten? Durch meine schwere Kamera-Ausrüstung war jede leere Tube und jedes abgetragene Shirt weniger eine Erleichterung im Reisegepäck.

 

Ich stellte mir die Frage, ob es sich nun gelohnt hatte, extra für den Tag der Stille so lange in Ubud zu bleiben. Die Antwort war ein klares Nein! Aber ich denke, das muss jeder für sich heraus finden. Andererseits: Wäre ich nicht die eine Woche länger geblieben, hätte ich die Kremation und die Melasti-Zeremonie verpasst und das waren definitiv zwei ganz besondere Highlights. Mein Tipp also für alle, die den Bali-Zauber suchen: Tretet zeitig mit Einheimischen in Kontakt und wenn sich ein fairer und sympathischer Tour-Guide auftut, bucht ihn ruhig zwei bis drei mal, oder fragt direkt nach. Mit ein wenig Glück folgt die Einladung, zu diesen besonderen Ereignissen, auf dem Fuße. Natürlich immer gegen einen vorab vereinbarten Preis, oder gegen einen Obolus. Denn an der Geschäftstüchtigkeit der Indonesier und an der Einstellung, dass alle Touristen reich sind, ändert auch ein Verstorbener nichts.

Die Melasti-Zeremonie.

Die Zeremonie in vollem Gange. Jede Community hat ihre Objekte aufgestellt, die Frauen tragen die Opfergaben auf dem Kopf an ihren Platz, die auch mit Geld bestückt sind.

Der Schauplatz in Ubud.

Nach wochenlanger Handarbeit werden die Figuren voller Stolz im Laufschritt auf den Platz getragen.

Ein Meer an Opfergaben.

Während die Frauen in der Schlange stehen, um die Opfergaben nieder zu legen, wird gelacht, herum gealbert und getratscht. So verschieden sind wir Menschen also gar nicht.

Eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Jede Figur wird später am Abend verbrannt, um die bösen Dämonen dem neuen Jahr fernzuhalten.

Das Ergebnis nach der Zeremonie.

Der Strand danach: Voll mit den Resten der Opfergaben, Plastik-Flaschen- und Bechern. Laut Wayan hat jede Community dafür bezahlt, dass der Strand am nächsten Tag gesäubert wird.

Der große Tag für die Kleinen.

Ein Schmetterlingsluftballon ist für dieses süße Mädchen, einen Tag vor dem Silent-Day, das Größte.


Fotos: Sylvia Donath

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Kommentare: 1
  • #1

    Jan (Dienstag, 25 April 2017 12:31)

    Hat schon was von einer Reiseempfehlung aber schön geschrieben �