"Ngaben": Bali aus tiefster Seele! Oder warum ein verstorbener Fremder mein Leben veränderte.

Und an diesem Tag verstand ich es. Warum all der ganze Müll herum liegt, aber gleichzeitig täglich gebetet wird und die Opfergaben erneuert werden. Auf jedem Grundstück, vor jedem Geschäft, in den Autos, an den Rollern und natürlich in jedem Tempel. Die meisten Menschen hier machen sich absolut nichts aus materiellen Dingen, denn die Zeit auf Erden ist für sie nur eine Zwischenstation. Also machen sie sich auch nichts aus herumliegendem Müll. Die Seele wird hier viel höher eingestuft als bei uns und es handelt sich dabei nicht um eine Glaubensfrage, sondern um eine Tatsache.


Jimbaran, Uluwatu, Keramaton Beach, Ubud, ein Erdbeben und vier von acht Wochen Bali liegen bereits hinter mir. Die letzte Woche verbrachte ich im Zentrum von Ubud und ich habe bisher vergebens die "Magic Hotspots" gesucht. Vielleicht suche ich noch an den falschen Orten, doch bisher habe ich bis auf das viele Grün und die sommerlichen Temperaturen nicht viel Gutes zu verzeichnen. Vor allem Müll und billige China-Produkte zeichnen Ubud derzeit aus. Der allseits beliebte Markt im Zentrum konnte mich bei weitem nicht überzeugen. Geprägt von Massenproduktion und Tourismus-Krempel, geben die nervigen Verkäufer ihr Übriges dazu. Man wird regelrecht belagert und bedrängt. Ein "No, thank you" gilt nicht. Ebenso verhält es sich in den Straßen rund um den Monkey-Forrest. Alle fünf bis zehn Meter wird ein Taxi oder eine Massage angeboten, oder um Geld gebettelt. Die vermeintlichen Schnäppchen sind nicht nur billig, sondern sehen auch so aus. Wer wirklich schöne, hochwertige Mitbringsel kaufen möchte muss für balinesische Verhältnisse doch ein wenig tiefer in die Tasche greifen. 

 

 

Doch wenn man auf dem Roller im Stau steht und die Regenzeit ihrem Namen alle Ehre macht, ist man umso dankbarer, wenn ein Straßenverkäufer mit Regencapes auftaucht. Auch wenn die meisten Balinesen sich scheinbar nichts aus einem sauberen Strand machen, so muss man ihnen doch ihre Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit absolut zu Gute halten. Wenn Du auf Bali ein Lächeln übrig hast bekommst Du IMMER eines zurück. Ganz anders als in Deutschland. Und obwohl mir Ubud inzwischen ein wenig auf die Nerven ging, so hatte ich dank meines Fahrers "Wayan" das Glück zwei traditionelle Zeremonien hautnah mitzuerleben. Sein Nachbar war verstorben und so lud mich Wayan ein mitzukommen und der "Ngaben", einer Verbrennungs-Zeremonie, beizuwohnen. Bei diesem Ereignis kommt das ganze Dorf zusammen und der Verstorbene wird in einer Art Pagode aufgebahrt, umringt von unzähligen Opfergaben. Ein Priester segnet alle Gaben mit heiligem Wasser und spricht seine Gebete. Alles ist weiß und bunt und Niemand trauert öffentlich. Alle sitzen beisammen, es wird musiziert, geschnattert, gelacht, geraucht und fotografiert. Ja, ganz recht. Die Balinesen finden es gut wenn man Fotos macht und sich für ihre Kultur interessiert. Auch ganz anders als in Deutschland. Wenn der Priester dann nach ca. einem halben Tag fertig ist und eine kleine Glocke bimmeln lässt, setzt sich auf einmal alles in Bewegung. Der Verstorbene wird mitsamt seines weißen Sarges aus Pappe auf eine tragbare, kleine Pagode vor der Tür auf die Straße gebracht und darauf fest gebunden. Auch das Gamelanorchester begibt sich mit allen Instrumenten auf die Straße. Und dann setzt sich der ganze Zug, angeführt von einer beflügelten Drachen-Figur, recht schnell in Bewegung, um den Verstorbenen zum Kremationsplatz zu bringen. Diese Zeremonie dient dazu den Körper durch Feuer der Erde zurück zu führen und so der Seele den Weg zu ebnen. Denn nach dem hinduistischen Glauben, der hier auf Bali vorherrscht, gilt der Körper nur als materielles Gefäß für die reine Seele.

 

Und an diesem Tag verstand ich es. Warum all der ganze Müll herum liegt, aber gleichzeitig täglich gebetet wird und die Opfergaben erneuert werden. Auf jedem Grundstück, vor jedem Geschäft, in den Autos, an den Rollern und natürlich in jedem Tempel. Die meisten Menschen hier machen sich absolut nichts aus materiellen Dingen, denn die Zeit auf Erden ist für sie nur eine Zwischenstation. Also machen sie sich auch nichts aus herumliegendem Müll. Die Seele wird hier viel höher eingestuft als bei uns und es handelt sich dabei nicht um eine Glaubensfrage, sondern um eine Tatsache. Und sie sind glücklich. Sie arbeiten sieben Tage die Woche und ich habe nicht einen mies gelaunten Einheimischen entdecken können. Sie verkaufen ihre Früchte an den Straßen Balis, halten ein paar Hühner und Kühe, arbeiten in Restaurants oder Geschäften oder fahren Touris herum. Hier gibt es keine vierzig Stunden. Es gibt wesentlich weniger Regeln seitens der Regierung als bei uns. Versuche mal in Deutschland Früchte am Straßenrand zu verkaufen, da steht direkt das Ordnungsamt auf der Matte! Sie geben acht aufeinander und haben in ihren "Communitys" einen undurchdringlichen Zusammenhalt. Wohl gerade deshalb gibt es hier kein ausgeprägtes Sicherheitsbewusstsein. Bei rot über die Ampel fahren: Na und? Wenn's gerade passt?! Doch glücklicherweise gibt es doch schon das erste Umdenken, was den Müll angeht. So unterhielt ich mich mit einem Kellner im ersten Hotel und fragte ihn, warum der Strand so dreckig ist und sich keiner darum kümmert. Er war ebenso betrübt darüber und erzählte mir das er in seinem Dorf mit ein paar Freunden bereits ein "Grünes Projekt" ins Leben gerufen hat, um dem endlich entgegen zu wirken. Auch Wayan kannte die Frage bereits von anderen Touristen und er hatte gleichermaßen ein Bewusstsein dafür. Bali hat also auf lange Sicht noch gute Chancen, dem Müll zu entgehen.

 

Doch um auf den Tag der Verbrennungs-Zeremonie zurück zu kommen, so war dies eine Art Wendepunkt für mich. Wieder einmal wurde mir bewusst wie schnell das Leben vorbei ist. Nicht wie Zuhause auf die dunkle, traurige Weise, sondern auf eine ehrfürchtige, lebensfrohe Art. Als ich in dem Straßenzug mitlief, überkam mich auf einmal eine tiefe Traurigkeit. Dabei kannte ich den Verstorbenen gar nicht. In Gedanken war ich bei meinem Vater, der ebenfalls Indonesien bereiste, und dachte: Das hätte er sich auch gewünscht! Ich riss mich zusammen. Denn auf Bali ist es von großer Wichtigkeit sein Gesicht zu wahren und keine Emotionen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Da ich sowieso schon aus der Menge heraus stach, mit meinem blauen Rucksack und den blonden Haaren, wollte ich nicht auch noch negative Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Doch in mir brodelte es. Ein Wechselbad zwischen Trauer, Freude, Dankbarkeit und Ehrfurcht an diesem besonderen Tag, an genau diesem Ort sein zu dürfen. Und es war als holte ich die Beerdigung meines Vaters nach, der ich damals nicht beiwohnen durfte. Ich war eben einfach noch zu klein. Der Verstorbene wurde von der kleinen Pagode in den Drachen getragen und alle Opfergaben wurden nochmals geweiht und ebenfalls dazu gelegt. Als das Feuer loderte mitsamt des beflügelten Drachens und allen Opfergaben, verbrannte auch in mir ein dunkler Tag aus meiner Kindheit und ich ließ die Kamera in meinem Rucksack Kamera sein. Dieser Tag war kein Zufall und auch meine Reise nach Bali nicht. Natürlich nicht. Ich habe ja schließlich das Ticket gebucht, meinen Job gekündigt, meine sieben Sachen gepackt und bin mit all meinem emotionalen Gepäck hier gestrandet. Doch seitdem ich hier bin, verstärkt sich das Gefühl, dass alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort passiert. Nicht nur auf mich bezogen, sondern auf das Leben auf Bali.

 

Ab dieser Zeremonie konzentrierte ich mich nicht mehr auf den Müll und die nervigen Verkäufer, sondern auf die Tatsache, dass ich auf Bali bin! Wieviel Glück kann man haben! Und zack: Da war die Zeit in Ubud auch schon rum und es ging weiter nach Lovina Beach. Was ich dort erlebte und wie die zweite Zeremonie, im Hinblick auf den Neujahrstag "Nyepi", auch "Tag der Stille" genannt, abgehalten wurde erfahrt ihr in meinem nächsten Blog-Beitrag.

 

Fazit: Bali ist was Du daraus machst. Genauso wie das Leben.

Gern auch mal ohne Helm.

Der Verkehr kommt gut ohne Ampeln aus und auch des Öfteren ohne Helm, wie hier auf diesem Bild zu sehen. Das nötigste regeln an den Kreuzungen ein paar Ordnungshüter per Trillerpfeife und Handzeichen.

Der Markt im Herzen Ubud's.

China-Mitbringsel oder auch der Markt der aggressiven Verkäufer. Auch hier fahren die Roller durch und bringen teils Nachschub an die Stände. Nicht das die hochwertigen Produkte noch ausverkauft sind.

Kurz vor der Verbrennung.

Eine letzte Segnung der Opfergaben vor dem Feuer. Der Verstorbene liegt bereits in der großen Drachen-Figur und wird mitsamt der Gaben verbrannt.


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Kommentare: 4
  • #1

    Jan S. (Sonntag, 02 April 2017 10:29)

    Hi Sylvia! Sehr bewegend wie du schreibst und wenn ich deine Sätze lese, die sehr schön geschrieben sind, hab ich das Gefühl man steht daneben und sieht das geschehen. LG Jan (Mel)

  • #2

    Melanie (Sonntag, 02 April 2017 18:24)

    Hey Süsse, mal wieder ein sehr gelungener Beitrag! Man fühlt sich als Leser von dir direkt nach Bali entführt und ist mitten drin! Bewahre deinen genialen Schreibstil und mach bloß weiter damit!
    Drück dich! Melli

  • #3

    Nathalie (Sonntag, 23 April 2017 17:57)

    Hallo Sylvia, Deine Blog-Beiträge sind wunderbar. Du schreibst so gut, dass man wirklich alles miterleben kann. Herrlich, ich sitze an meinem Schreibtisch und bin für einen Moment gedanklich in Bali. Ganz liebe Grüße und viele schöne Stunden auf Deiner weiteren Reise! Nathalie

  • #4

    Winni (Montag, 08 Juli 2019 09:48)

    Ein wirklich schöner Artikel. � Ich habe ihn zufällig entdeckt und werde weiter auf Deinem Blog lesen.